Annebarbe Kau
Ein Text von Tobias Gerstner.
In: Dokumente der Ausstellung Villa Minima, September 1990, o. P.
 
Seit den 80er Jahren arbeiten zahlreiche Videokünstler mit monumentalen Inszenierungen, bei denen die räumliche Präsenz der skulpturalen Elemente dominiert und der Betrachter über die formale und inhaltliche Spannung von Videotechnik und Skulptur ganz unmittelbar zu einer ästhetischen Erfahrung geführt wird. Bei den Videoinstallationen von Annebarbe Kau hingegen ist eine auffallende Zurückhaltung im Gebrauch dieser „starken“ Strategien festzustellen. Ihre Arbeiten strahlen stattdessen eine emotionale und poetische Nähe aus, welche die Künstlerin mit dem Begriff „Weichheit“ umschrieben hat. Als künstlerische Entscheidung gegen monumentale Inszenierungen ist die Haltung Annebarbe Kaus durchaus von einer kritischen Distanz geprägt gegenüber festen Strukturen, sofern ihnen Offenheit, Mehrdeutigkeit und Veränderbarkeit fehlen.

Der sehr abwägende und auf Synthese zielende Umgang mit Videotechnik, Skulptur und Raum zeigt sich deutlich in der jüngsten Videoinstallation „Das Haus“ von 1990, einem schmiedeeisernen Stahlgehäuse, in dem ein blau leuchtender Monitor mit ruhig rhythmisiertem Videobild aufgehängt ist. Zu der Arbeit hat die Künstlerin eine Reihe kleiner Modelle aus Gips und Draht angefertigt. Trotz ihrer formalen Eigenständigkeit wirken sie wie Vorstudien, in denen unterschiedliche skulpturale Konzepte und räumliche Lösungen durchgespielt werden, die dann in der Videoinstallation strukturell miteinander verschmelzen. Neben reinen Gipsmodellen, die wegen ihrer geringen Größe und zarten Oberflächenzeichnung eher etwas Zerbrechliches denn etwas Kompaktes an sich haben, finden sich Modelle mit Sockeln, und schließlich die filigranen Drahtgebilde, die dem metallenen Gehäuse formal am nächsten stehen. Der besondere Reiz eines der in Gips geformten Modelle besteht darin, daß es einen Aspekt der Videoinstallation in einer Art Negativform vorführt: eine durchgehende, fensterartige Öffnung wurde hier an der Stelle angebracht, wo im Gehäuse dann der Monitor hängt.

Bei der Installation selbst wurde der Monitor in seiner zweifachen Funktion als plastisches Objekt und als Bildschirm eingesetzt. „Das Haus“ thematisiert in ambivalenter Offenheit Einblick und Ausblick und wird zu einem vieldimensionalen Bezugspunkt für den Betrachter. Der blaue Lichtschein nimmt eine materielle Qualität an, während Zeit durch das Videoband erlebbar wird, auf dem ruhige Bildsequenzen mit gleißenden Lichtreflexen in einem blauen Farbraum ablaufen. Diese „sanften“, mit einem sparsamen, aber streng kalkulierten Einsatz künstlerischer und technischer Effekte arbeitenden Inszenierungen sind kennzeichnend für Annebarbe Kaus Videoarbeiten. Ihre offene Struktur läßt Platz für die Imagination des Betrachters, der eigene Assoziationsketten und Bilder aufbauen kann.