Annebarbe Kau
Klaus Schrenk: "Die gestundete Zeit im Bild."
in: Annebarbe Kau Video – Installation – Zeichnung/Drawing.
Herausgeber Akademie Schloss Solitude Stuttgart 1993, S. 6-12.
 
 
In den Videoarbeiten und Installationen von Annebarbe Kau bilden Beobachtungen substanzieller Abläufe den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Arbeit. Bild und Ton, obwohl zumeist auf unterschiedlichen Eben eingesetzt, werden als komplementäre Faktoren einer untrennbaren Einheit begriffen. Über die gegenläufigen, einander verstärkenden Elemente dieser Einheit wird der Zuschauer allmählich in den Ablauf der Bänder eingeführt und zu assoziativen Bild- und Kompositionsdeutungen angeregt.

Hierbei nimmt man das Abspielen des Tapes nicht einfach als Vorziehen von gegebener Zeit wahr. Sehen und Hören werden vielmehr subjektiv verlangsamt und beschleunigt, so daß das komponierte Geflecht optischer und akustischer Einheiten jedem Band seinen jeweils eigenen zeitlichen "Puls" eingibt. Dies berührt Fragestellungen moderner Musik, in der verschiedene Klangfarben und Tempi zwar zugleich erklingen, aber auch ihre, eben eigene, Zeit ausführen.
Das Zusammenwirken von Bild und Ton, die Durchdringung von Raum und Zeit, die in Bewegung und Rhythmus ausgedrückte formale Struktur hat die Künstlerin in den lerzten Jahren immer stärker ausgearbeitet und verfeinert. So sind neben den Videoarbeiten auch Klanginstallationen entstanden, die eine weitere Stufe in der Reflexion wahrnehmungsorientierter Phänomene darstellen.

In ihren Videoarbeiten verzichtet Annebarbe Kau auf den Einsatz rasanter, effekthaschender Schnitt- und Bildfolgen.
Dabei spielt die beziehungsvolle Nähe von Bild, Sprache und Ton in einem sich verändernden Zeitkontinuum eine besondere Rolle. Die nach der Düsseldorfer Akademie-Zeit entstandenen Bänder "Undine" (1986) und "Garten im Raum" (1987) stehen für den Beginn einer eigenständigen künstlerischen und intellektuellen Auseinandersetzung.

So werden in "Undine" mit Sprache, Musik und Geräusch drei verschiede Handlungsebenen aufgebaut, die zunächst inhaltlich unverbunden nebeneinander ins Bild gesetzt werden. Annebarbe Kau greift auf eine Textsequenz aus "Undine geht" von Ingeborg Bachmann zurück, die die Künstlerin aus dem Off spricht. Des weiteren sehen wir, wie sich aus einem Wasserhahn ein Wasserstrahl in den Abfluß eines alten steinernden Handwaschbeckens ergießt. Sprache und willkürlich herbeigeführter Ton werden durch die Musik ihres Saxophonspiels erweitert. Aus dem anfänglichen Nebeneinander werden durch Schnittfolgen und Überlagerungen Musik, Sprache und Wassergeräusch zueinander in Beziehung gesetzt, bis die sich so miteinander verweben, daß die getrennten Ausgangspunkte der Handlungsabläufe in den Hintergrund treten. Der unterschiedliche Einsatz von Bild und Ton als bewußtes Gestaltungsmittel wird in dem dreiminütigen Band "Garten im Raum", 1987, evident. Wieder werden verschiedene Bildebenen eingesetzt, die von einem Text in japanischer Sprache begleitet weden. Bild und Sprache lassen einen nicht meßbaren Raum entstehen, der durch die Lautmalerei einer uns fremden Sprache und den damit verbunden Entstehen assoziativer Bildsequenzen geprägt ist.

Die differenzierte Kompositionsauffassung der Künstlerin gewinnt in den musikalisch ausgerichteten Bändern "Caina" (1988) und "Duo" (1989) einen verdichteten und künstlerisch hochstehenden Ausdruck. In beiden Arbeiten werden Bild und Ton als zwei Grundelemente der Viodeokunst aufeinander bezogen. Gleichzeitig kann man die Schwierigkeit erahnen, mit bildnerischen Mitteln der Musik nahezukommen.

In "Caina" stehen ein ländlich geprägter Ort in Umbrien und die Sonate für Cello solo von Bernd Alois Zimmermann als gegensätzliche Elemente ausschnitthaft im Zentrum einer subjektiven Annäherung durch die Künstlerin. Aus der sensiblen Verknüpfung bildhafter und musikalischer Elemente überträgt sich auf den Betrachter eine Stimmung, die aus der Überlagerung eigener Empfindungen das anfänglich Fremde vertraut erscheinen läßt. Und wenn am Schluß in der abschließenden Sequenz Bild und Ton in einer besondernen Verlangsamung miteinander in Übereinstimmung gebracht werden, dann hallt das dramatisch dargebrachte Cellospiel in dem ruhigen Schlußbild eindringlich nach. Der subjektiv und emotionale Charakter, der sich in der Wahl der Musik ausdrückt, die korrespondierende Annäherung in der Bildsprache und das Aufbauen von Wahlverwandtschaften imaginierter Haltung führen in "Duo" (1989) auch zu einer komplexen formalen Gestaltung. So sieht man die beiden Hände mit den Schlagstöcken, die den Trommelwirbel auf dem Schlagzeug hervorbringen, während in diesem fragmentarisierten Bildausschnitt die handelnde Figur der Musikerin ausgeblendet bleibt. Zum Rhythmus der Musik kommt die horizontale Verschiebung der Bilder, die in unterschiedlichen Ausblendungen bis auf schmale Sehschlitze verkleinert zu einer geheimnisvollen Verdichtung des Bildes beitragen. Die Bewegung und Überlagerung von Bild und Fläche, die sich farbliche Konsequenz in lichtem Gelb und Schwarzabstufungen durchhalten, vollziehen sich in einem engen Verhältins zu Klang und Rhythmus der Schlagzeugmusik, woraus sich ein virtuos angelegter Bewegungsablauf von Bild und Ton entfaltet, der in dem Moment zum Ende des Bandes führt, als beide Bereiche sich für einen Augenblick zu einer Einheit verbinden. Dies wird in "m" (1990) weiter durchgestaltet. Die hörbaren Sequenzen wie z. B. rieselnder Sand, Snare des Schlagzeuges, Stimmübungen, Umrühren des Kaffees und Lachen bleiben als eigenwertige Geräusche erhalten, da sie nicht eindimensional auf ein Bild bezogen werden.

Vielmehr besteht zwischen Bild- und Tonfolge ein offener Bezug, ähnlich zweier Parallelen, die sich annähern, berühren und wieder trennen. In diesem Wie des Aufeinanderbezogenseins scheint die emotionale Teilnahme der Künstlerin am Komponieren mit Bild und Ton auf.

In dem neusten Band "namen" (1992) werden weitere Aspekte von Annebarbe Kaus Arbeit deutlich. Neben der oben erwähnten Relation von Bild und Ton richtet die Künstlerin hier ihr Augenmerk besonders auf Bewegung und Licht. Die erste Sequenz vermittelt, mit statischer Kamera gesehen, das Verstreuen von Sand, dessen Staub im abgedunkelten, milden Licht eines Innenraumes verfliegt. Diese Einstellung, mehrmals wiederholt, wird unterbrochen durch Bilder einer Kamera, die um sich selbst dreht und ein Interieur in Schwarz-Weiß zeigt. Dem stehen langsame Außenaufnahmen von Baumstamm und Waldboden und ein Umkreisen der Lichtpartikel, die durch eine Baumkrone fallen, gegenüber.

Die enge Verzahnung von bildender Kunst und Musik haben den Arbeiten von Annebarbe Kau auch unter den Videokünstlern ihrer Generation einen besonderen Rang gesichert. Die Künstlerin hat durch den Verzicht auf die am Videoclip orientierten rasanten Schnitt- und Bildfolgen zu einer poetisch eindringlichen Bildsprache gefunden, die in ihrer Ausdruckskraft schon einen unverwechselbaren Charakter hat.