Annebarbe Kau

Michael Krajewski: „Raum für Vorstellungen“.

In: Kölner Skizzen,19. Jahrgang Haft 3/1997, S. 8.
 
Wer Annebarbe Kaus Skulpturen betrachtet und ihre Raumarbeiten betritt, registriert sofort, daß diese Kunst keine Wirklichkeit imitieren will. Zu offenbar sind die einzelnen Elemente ihrer Arbeiten, die Materialien und die technische Funktionsweise einer Installation: zuweilen technoid, doch sublim ausgewogen und auf das Nötigste reduziert. Gleichwohl wecken sie in ihrer spröden Poesie, bar jeder mimetischen Anmutung, leise Assoziationen, die sich nicht aufdrängen und einem eingehenden Betrachter Raum für Vorstellungen lassen. Eine Solch hohe Suggestivität bei sparsamen imitativen Konzept erscheint paradox und faszinierend. Nachfolgend sei dieses Phänomen skizziert anhand von einigen Arbeiten der letzten Zeit, von Installationen, die subtil auf die Parameter Raum, Dimension, Helligkeit reagieren, die Klang und bewegte Bilder einbeziehen.

Berührungen
Hände streicheln, befühlen, betasten eine Fläche. In der Dortmunder Sankt-Petri-Kirche wird dieses Bild auf einen steinernen Wandsockel projiziert; die Handlung wird formal gespiegelt, der Tastsinn dem Augensinn, das Haptische dem Optischen konfrontiert. Bewegtes Licht berührt die Oberfläche und diese bleibt trotzdem präsent. Berührung bedeutet Aufeinandertreffen, nicht Verschmelzung. So wird im Verzicht auf grellen Reiz und Effekt, einem Wesenszug all ihrer Kunst, das haptische Erleben eines unbelebten Gegenstandes zur bedeutungsgeladenen Handlung visualisiert, das Alltägliche zum meditativen Erlebnis.

"Rondine"
In einem Bunker ohne Tageslicht sind zehn runde Neonlampen auf einer Wand verteilt. Durch die beiden Durchgänge dringt das scharfe Licht nach außen. Die Stromkabel sind mit wenigen Ösen auf der Wand befestigt, so daß ihre Führung die elektrische Versorgung sinnfällig macht- eine lineare zeichnerische Vernetzung. Das Licht ist keine geschlossene Form, sondern verteilt sich scheinbar zufällig, geduldet, die Wand sukzessive okkupierend, wie ein Rosenstock wachsend. Die Kargheit und Atemlosigkeit des Raumes wird dadurch extrem spürbar und im Licht potenziert.

"Die Wand"
Formal vergleichbar erscheint die Klangskulptur im Arnsberger Kunstverein: Von zwei Verstärkern aus ranken Lautsprecherkabel die Wand empor zu den kreisförmigen Klanggehäusen. Das scheinbar den Lesegewohnheiten von links aus entgegenkommende Aufstreben suggeriert Vegetabiles, eine Kletterpflanze, die fixiert und geschützt wird von Maschendraht. Atemgeräusche aus den kreisförmigen Chassis, die somit weit über die visuelle Akzentuierung hinaus zu akustischen Kraftzentren, zu Klangöffnungen, zu Mündern einer lebenden Wand werden, erwecken zusätzlich die Suggestion von Lebendem – bei avanciertem Purismus der Form und technoider Erscheinung.

"Krk", "Splash", "mon amie", "Das Spiel"
Annebarbe Kaus jüngste Skulpturen greifen verstärkt den Aspekt des Einkleidens und -sperrens eines Kerns auf. Titel verweisen lautmalend auf dieses akustische Zentrum, dessen Ursprung nie synthetisch, sondern natürlich ist. Der kleine Hochtöner von "Krk", aufgehängt in korbartiger Hülle, läßt einen Hängekäfig assoziieren – besonders wegen des Krk-Geräuschs; an einen Bodenbrunnen erinnert von fern das unregelmäßige Plätschern des zwischen Pappe und Gapäckspinne gefangenen Lautsprechers von "Splash". Die geometrische Form des Zylinders dient Kau als Hülle von "mon amie ", als Drahtröhre, aus der ein Atmen emporsteigt - kanalisiert wie in einer Herz-Lungen-Maschine. Das abwechselnde Geräusch von Werfen und Fangen aus den beiden Tönern von "Splash" visualisiert den Ping-Pong-Effekt aus den Anfangsjahren des Stereo. Das Spiel findet nicht im freien Raum statt, pulsiert zwischen den Enden der Röhre.